Briefkopf - ALBERT MILDE k. k. Hof-Kunst-Bauschlosser und Eisenkonstrukteur zu Wien; von 7.2.1839 bis 8.11.1904

Neues Wiener Tagblatt, 9. November 1904

k. k. Albert Milde

Neues Wiener Tagblatt 9.11.1904

Neues Wiener Tagblatt; Auszug

(Albert Milde +) Eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Wiener Industrie ist gestern im Alter von 65 Jahren in den ärmlichsten Verhältnissen gestorben, der ehemalige Hofschlosser und Besitzer einer der größten Eisenkonstruktionswerkstätten Albert Milde. Albert Milde, der in Westin in Mähren geboren worden war, kam in sehr jungen Jahren nach Wien, erlernte hier das Schlosserhandwerk und machte sich schon früh selbständig; er hatte zuerst auf dem Laurenzerberg, dann in der Postgasse eine kleine Werkstätte und brachte es durch Fleiß und Geschicklichkeit bald zu einem größeren Kundenkreis. Die mit der Stadterweiterung inaugurierte großartige öffentliche und private Bautätigkeit veranlasste Milde, sich zunächst der von Anton Biró wiedererweckten Kunstschlosserei zuzuwenden und mit diesem verstorbenen Wiener Meister zählte er zu den hervorragensten Erneuerern der figuralen und ornamentalen Schmiedekunst in Österreich. Später führte er auch Baukonstruktionen, Dachstühle, Träger, Eisentreppen und Brücken aus und zur Zeit der Wiener Weltausstellung zählte sein Etablissement zu den ersten, sowohl als kunstgewerbliches wie auch als technisches Unternehmen. Der Aufschwung dauerte bis zur Pariser Weltausstellung im Jahre 1878. Für seine unleugbaren Verdienste wurde Milde nach dieser Ausstellung mit dem Franz Josef-Orden ausgezeichnet, aber schon damals waren, wie die näher Eingeweihten wussten, manche äußeren und persönlichen Errungenschaften Mildes größer, als seine geschäftlichen Erfolge. Als Mitglied des Niederösterreichischen Gewerbevereines, dem er mit seltener Treue und Opferwilligkeit angehörte, hat er dann bei der Gewerbeausstellung im Jahre 1880 eifrigst mitgewirkt, später bei der Ausstellung im Jahre 1888. Er hat damals eine gemeinsame Schaustellung der Leistungen der Wiener Kunstschmiede und Bauschlosser zustande gebracht, welche eine geradezu glänzende Repräsentation des Wiener Schlossergewerbes darbot. Ein freimütiges Wort von ihm, das er, gelegentlich der Besichtigung dieser Abteilung der Ausstellung durch den Kaiser, an den Monarchen zu richten wagte, dass nämlich der geschäftliche Lohn für die hervorragende Leistungen der Wiener Schlosser diesen infolge der Zeitverhältnisse leider nicht in gebührendem Maße zuteil werde, wurde ihm in manchen Kreisen übel vermerkt.

Nach der Jubiläumsausstellung, Anfang des Jahres 1889, nahm Milde ein Mandat in der Wiener Gemeinderat an, trat aber in diesem niemals stark hervor und legte übrigens auch seine Gemeinderatsstelle bald nieder, da die Zahlungsschwierigkeiten, in welche er geraten war, schon allgemein bekannt geworden waren. Zu Beginn des Jahres 1890 musste Milde um ein Moratorium ansuchen. Es kam zu keinem Konkurs; die Firma Albert Milde ging unter anderen Inhabern in eine neue Firma Albert Milde u. Co. über, in welcher jedoch Milde selbst nur als Mitarbeiter tätig blieb, bis er vor circa fünf Jahren auch von dieser Tätigkeit scheiden musste. Das letztere war für ihn vielleicht am härtesten; Milde war in gewissem Sinne kein "Geschäftsmann", er wusste nicht zu rechnen. Sei gutes Herz, seine offene Hand und teilweise auch seine Eitelkeit waren ihm beim Zusammenhalten des Geldes gewiss auch nicht förderlich. Aber eines war er immer: fleißig. Erst als ihm durch Verhältnisse, Alter und Krankheit die Möglichkeit, zu arbeiten, benommen worden war, wurde der Mann grämlich und traurig. In der Geschichte der Wiener Kunstschlosserei und des Wiener Baugewerbes wird seine markante Persönlichkeit immer einen wichtigen Platz einnehmen; als Mensch war er eine außerordentliche sympathische Erscheinung, die jedem, der ihn kannte, in freundlicher Erinnerung bleiben wird. Dass es ihm nicht vergönnt war, sein Alter im Genusse des Erworbenen zu verleben, hat ihm vielleicht nur mit Rücksicht auf seine Angehörigen trübe Stunden gemacht, ihn hat es am meisten geschmerzt, dass er, einst einer der ersten am Werke, nun ausgeschaltet war von der Arbeit und Schaffen. Ein Leben reich an Erfolg, Glanz und Glück, aber auch an Enttäuschung und Bitterkeit ist gestern beendet worden.