Briefkopf - ALBERT MILDE k. k. Hof-Kunst-Bauschlosser und Eisenkonstrukteur zu Wien; von 7.2.1839 bis 8.11.1904

Wiener Bauindustrie-Zeitung, 1883

Über Kunstschmiede-Arbeiten

k. k. Albert Milde

Wiener Bauindustrie-Zeitung 1883-84; Seite 199

Wiener Bauindustrie-Zeitung 1883-84; Seite 199

 

Wiener Bauindustrie-Zeitung 1883-83; Seite 200

Wiener Bauindustrie-Zeitung 1883-84; Seite 200

Die heutige Ausbildung der Kunstschmiede-Arbeiten gehört der neuesten Zeit an, sie hat sich nach Einführung der Gewerbefreiheit zu neuem Aufschwung entwickelt; nachdem sie von der Meisterschaft des Mittelalters unter dem Drucke der Zünfte zu völliger Bedeutungslosigkeit herabgesunken war. Denn diese unterdrückten die freie Entwicklung begabter Kräfte durch ausschließliche Ausnützung der Lehrlinge zu den gröbsten Arbeiten, sowie durch den völligen Mangel der Pflege des Zeichnens und selbständiges Entwerfens. Zur Wiederbelebung der Kunstschmiede-Arbeit hat die Wiederaufnahme des sogenannten Roh- oder Reinbaues (bei dem die Materialien in der Naturfarbe belassen werden) nicht wenig beigetragen, welche auch in den Eisenteilen der Bauwerke ein Zurückgreifen auf die Formen des Mittelalters zur Folge hatte. Es haben sich die Architekten der hannoverschen Schule, vor allem der Begründer derselben, Hase, ein hervorragendes Verdienst um die neue Belebung der Schmiedekunst erworben. Letzterer namentlich hat keine Mühe gescheut, um die Nachbildung der trefflichen Vorbilder des Mittelalters zu erreichen, aber auch seine Schüler haben den eingeschlagenen Weg nicht verlassen. So steht Hannover, trotzt der geringen Zahl von Mustern, die sich hier erhalten hat, heute in diesem Zweige des Kunstgewerbes mit in erster Linie, während zum Beispiel Danzing, wo sich hunderte der vorzüglichsten Gitter befinden, bislang noch nicht viel Hervorragendes wieder leistet. Die besten Kunstschmiede-Arbeiten liefern heute Wien und Paris (vergleiche die Arbeiten von Milde aus Wien in der technischen Mustersammlung des Landes-Gewerbe-Vereins zu Darmstadt). Berlin leistet zwar auch Vorzügliches, jedoch haben die dort fast ausschließlich verwendeten Formen der Renaissance mit ihren verwickelten Ornamenten und Flächenmusterung zur Folge gehabt, dass die strenge Kunst des Schmiedens unter der Einwirkung der immer mehr vervollkommneten Werkzeuge und Maschinen mehr und mehr in die Treibens und Ziselierens in Eisen ausartet. Rein nach dem Vorbilde der alten eigentlichen Schmiedearbeiten ausgebildete Sachen findet man dort fast gar nicht, und man kann beim Ansehen häufig aus der Form nicht erkennen, ob Schmiedeeisen, Gusseisen oder Zink verwendet ist. Wenn dieser Weg auch zu Werken von hervorragender Schönheit geführt hat, so muss der wirkliche Kunstschmied ihn doch für einen Ausweg erklären.

Der Vortragende geht nun auf die Erläuterung der ausgelegten Probestücke näher ein:

Die Blattformen werden in der Weise hergestellt, dass man aus beliebigem Kanteisen zuerst eine Platte mit kurzem, unverändertem Stiele schmiedet. Auf der Platte wird der äußere Umriss des Blattes behufs Ausschlagens mit dem Meißel vorgezeichnet, und, nachdem die ausgeschlagenen Ränder geglättet sind, erhält das Blatt seine körperliche Form durch Einschlagen in Gesenke. Soll das Blatt das Ende einer Ranke bilden, so schweißt man zunächst die Enden der schwächeren Teile zusammen und an deren Vereinigung das stärkere Rundeisen, so dass jede Abzweigung zwei Schweißungen bedingt. Es steht dieses Verfahren im Gegensatz zu dem des Mittelalters, nach welchem die Verschwächungen durch Aushämmern der stärkeren Eisensorten erzielt werden mussten. Die große Auswahl unserer Walzeisensorten gestattet das einfachere vorgeführte Verfahren, und wir erreichen zugleich wirklich runde Stiele und Ranken, während die alten Arbeiten selten ganz gleichmäßig im Querschnitt sind.

Das beliebte Drehen von Kanteisen fällt sehr unregelmäßig aus, wenn man den glühenden Stab an beiden Enden fasst und ohne Weiteres dreht; die Endwindungen werden dann enger als die mittleren. Man muss vielmehr das Winden an den Enden begonnen hat hier den Widerstand durch Abkühlen mit Wassertropfen erhöhen und mit dieser Abkühlung allmählich nach der Mitte vorschreiten. Zur Herstellung gleichmäßiger Windungen gehört einiges Geschick der Arbeiter.

Bei den gedrehten Stäben kommen sehr häufig Durchstechungen quadratischer Profile vor. Zur Herstellung des quadratischen Loches wir der Stab zuerst bis auf den dreifachen Querschnitt aufgestaucht, sodann mit einem scharfen Meißel aufgeschlitzt, auf rundem Dorne aufgeweitet und schließlich auf quadratischem Dorne in die genaue Form gebracht.

Die aus starkem Drahte hergestellten sogenannten Tannenzapfen wickelte man früher auf leicht verbrennbaren hölzernen Kern auf und brannte letzteren aus; dieses Verfahren war aber umständlich und teuer. Der Vortragende wickelt den Draht dicht auf einen konischen eisernen Dorn, treibt die Ringe dann mit dem Meißel auseinander und bringt die oberen durch Hämmern auf den geringeren Durchmesser.

Neben einander liegende und mit einander zu verbindende Teile, zum Beispiel Stäbe und Ranken wurden früher meist durchbohrt und genietet. Jetzt werden sie durch heiß umgelegte Bunde zusammengehalten, die selbst nicht geschweißt, sondern nur mit offener Fuge zusammengebogen sind. Diese Bunde machen nicht nur das ganze Gefüge fester, sondern bilden auch eine wirksamen Schmuck der Schmiedearbeiten.

Bei den aus dünnem Bleche ausgelochten Flächenmustern erfolgt die Herstellung durch Ausmeißeln und Ausfeilen der vorgezeichneten Ornamente, ist also ziemlich teuer. Diese Arbeiten fallen aber auch schon aus dem Rahmen der eigentlichen Kunstschmiedearbeit heraus.

Zum Schlusse zeigt der Vortragende noch eine Anzahl größerer fertiger Arbeiten vor, unter anderen eine sehr reich mit Ornamenten, Sinnbildern und Blumengehänge geschmückte Tür des vor Kurzem von ihm gefertigten schmiedeeisernen Gitters für das hiesige Zeughaus, welche die in Berlin übliche Weise der Herstellung durch Treiben an den verwendeten Renaissanceformen und Ornamenten in ausgiebiger Weise zeigt. (Nach einem Vortrage des Herrn Ditrich im hannov. Architekten- und Ingenieur-Verein im Wege der Österr. Gew.-H.)